Mein Alltag als Cyborg

Jan 12 2023 · Julian Imort

Der Rausch der Effizienz

Vor Kurzem habe ich mir einen Saugroboter gekauft, denn einige Dinge lassen sich einfacher ohne menschliches Zutun erledigen. So konnte ich mich auf meine Aufträge konzentrieren und auch auf die Dinge, die wirklich Spaß machten. Ich weiß nicht, wie Menschen es schaffen, mehrere Content-Jobs gleichzeitig zu jonglieren und dann auch noch einmal wöchentlich zu saugen. Meinen Roboter programmierte ich so, dass er sogar dreimal die Woche die ganze Wohnung saugt. Währenddessen saß ich am Schreibtisch und produzierte Textmasse.

ChatGPT sollte ich mal ausprobieren, hatte mir ein Freund geraten. Ich registrierte mich und war innerhalb weniger Wochen absolut begeistert. Ich lieferte fertige Artikel für diverse Online-Portale in Nullkommanix. Wie von Geisterhand füllten sich die Seiten, inspiriert von chaotischen Notizen und kopierten Briefings. „Bitte nutze diese Infos als Inspiration und baue sie in den Text ein. Dieser sollte hochwertig klingen, keine Wiederholungen enthalten und auch kreative Wortspiele beinhalten.“ Ich lernte die Maschine kennen. Und sie lernte mich kennen. Schon von Beginn an duzten wir uns.

In meinem Freundeskreis machte ich keinen Hehl daraus, dass ich langsam aber sicher zu einem Cyborg wurde. Viele schienen selbst jedoch nur wenig Interesse daran zu haben, KI zu nutzen, wenn sie mal etwas schreiben mussten. War es der Stolz auf die eigene Arbeit? Der kreative Anspruch? Ich hingegen genoss es, den Zeitdruck einfach an die Maschine weiterzureichen.

Wanderstiefel und Mezzelune

An dem Tag klappte ich den Laptop etwas früher zu als sonst, da ich meine To-dos für den Tag schon abgearbeitet hatte. Als ich das Büro verließ, merkte ich im Flur einen Widerstand. Es war der Staubsaugerroboter, der rot blinkte und rechts und links einen Wanderstiefel trug. Beide Schnürsenkel hatten sich abermals um das drehende Rad gewickelt; sie zu entzerren beanspruchte einige Minuten. Um nachzusehen, wo er schon gesaugt hatte und wo nicht, musste ich eine App downloaden und eine Karte der Wohnung mithilfe der integrierten Sensoren anfertigen lassen. Mache ich nächstes Mal. Dieses Mal wischte ich mit dem Finger über die wichtigen Stellen, um kleine graue Staubfäden zu finden. Dort platzierte ich dann den Roboter, um noch einmal zu saugen.

Währenddessen hatte ich Zeit, mal wieder etwas zu kochen. Meine Nudelmaschine hatte ich noch nie benutzt, aber heute hatte ich Lust auf Mezzelune mit Roter Bete, Schalotten und Ziegenkäsefüllung. Dazu zerlassene Butter mit Rosmarinzweigen vom Balkon. Meine Lebensqualität hatte sich in kurzer Zeit enorm gesteigert. Normalerweise gab es mittwochabends Rotes Curry vom Magic-Asia-Imbiss an der Hauptstraße. Kaum hatte ich den Nudelteig geknetet, hörte ich ein Piepen aus dem Flur. Der Roboter hatte für eine kleine Ladepause einen Stopp an seinem Dock gemacht, aber der Auffangbehälter musste geleert werden. Danach konnte es weitergehen.

Der teure Ghostwriter

Ich entschied mich dazu, Premiumnutzer von OpenAI zu werden, was ich aus eigener Tasche bezahlte. Auch wenn ich die KI vorwiegend für die bezahlten Schreibaufträge benötigte, schien das angesichts der massiven Zeitersparnis eine kluge Investition zu sein. Jetzt konnte ich ihn sogar Rechercheaufgaben übernehmen und richtig lange Texte schreiben lassen, die sich auch besser anhörten. „Das stimmt so nicht, hier musst du nochmal ran.“ Meine Auftraggeber waren normalerweise zufrieden mit meinen Texten, aber ich wurde ein wenig nachlässig. Ich kümmerte mich um die schnellen Content-Meldungen und lieferte im Halbstundentakt. „Bitte schau dir die Notizen noch einmal genau an und beleuchte insbesondere die folgenden Aspekte: Vorteile von Last-Minute-Reisen gegenüber klassischen Reisebüros, Andalusien als Winterquartier, günstige Unterkünfte.“ Das Feedback aus dem Briefing leitete ich direkt weiter. Enter. Innerhalb von Sekunden erschien ein neuer Text. Andalusien sei ein hervorragendes Winterquartier, Last-Minute-Reisen hätten zahlreiche Vorteile gegenüber herkömmlichen Reisebüros.

Es sei wichtig, auf vertrauenswürdige Unterkünfte zu achten. Es gebe viele günstige Urlaubsmöglichkeiten. Alle Details hätte ich auch selbst gewusst. Aber für den Zweck reichte es schon irgendwie, hier musste es keinen tiefschürfenden Mehrwert geben. Der Kollege von OpenAI wäre ein hervorragender Staubsaugerverkäufer. Er liebte das Schwadronieren, Füllwörter und Wiederholungen, die sich einprägten. Dabei blieb er immer höflich und wortgewandt. Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch. Die Mezzelune waren es nicht, eher die Gewissensbisse, dass andere Texter wohl noch mühsam mit der Hand schrieben. Expert:innen erwarten, dass in den nächsten fünf Jahren die meisten Jobs dieser Art durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Ich fand, dass wir uns alle darauf vorbereiten und die Zukunft mit offenen Armen empfangen sollten.

Die Milchstraße im Teppich

Der Roboter hatte meinen Kunstfellteppich in eine Milchstraße verwandelt, in dessen Mitte er wie ein schwarzes Loch schwebte und bedrohlich blinkte. Heute nahm ich mir mal richtig Zeit für meinen neuen Mitbewohner. Ich entfernte alle freihängenden Kabel auf dem Boden, fixierte meinen Teppich, packte meine Schuhe ins Regal. Ich akzeptierte die Bedingungen der chinesischen App und ließ ihn eine Karte der Wohnung anfertigen. Ich wechselte den Feinstaubfilter, wusch den alten mit warmem Wasser und ließ ihn auf der Fensterbank trocknen. Ich drehte den Roboter um, entfernte die Haare, die sich um das Sieb gewickelt hatten, und putzte die Rollen. Ich ließ den Abend mit einem roten Curry ausklingen.

Es gab eine Beschwerde von einem Kunden. In einem bereits veröffentlichten Text seien völlig falsche Zahlen aufgetaucht. Ich konnte erahnen, dass es einer meiner Texte war. Genauso wie ich damals in der Schule, war auch mein künstlicher Ghostwriter äußerst schlecht in Mathe. Drei plus eins? Sechs, setzen.

Ferienträume_so_viel_kann_man_hier_sparen_V4.docx wurde mir zugesendet. Version 4? Der Text war also schon durch mehrere Korrekturschleifen gegangen, ohne dass es jemandem aufgefallen war. Die KI war mehr als reumütig. „Entschuldige die fehlerhaften Zahlen. Ich verstehe deine Frustration angesichts der bereits geschehenen Veröffentlichung. Als KI-Sprachmodell verfüge ich nur begrenzt über mathematische Fähigkeiten. Bitte sag mir Bescheid, wenn du weitere Hilfe beim Schreiben von Texten benötigst.“

Ich war mir nicht sicher, ob ich weitere Hilfe benötigte. Die Texte schienen korrekt zu sein, alle gewünschten Fakten aufzugreifen. Aber irgendwie hatten sie keine Seele. Mit ihrer scheinbaren Perfektion passten sie sich unserer Zeit voller Schein und Fakeness an. So wie die Restaurants mit bunten, gesunden Gerichten, die nach nichts schmeckten, aber extrem gut auf Instagram performten.

Die Automatisierung der Fehler

Ich war enttäuscht von meinen künstlichen Helfern. Ich kündigte mein ChatGPT-Abo, denn auch offizielle Experten konnten bestätigen, dass die KI unter einer Art Krankheit leidet. Je mehr künstlicher Inhalt wiederverwertet wird, desto schlechter wird der Output. Das Internet wurde überflutet mit schnellem Fast-Food-Content ohne Nährwert. Auch die Roboter ernährten sich wohl davon.

Mein Staubsaugerroboter hatte die angelehnte Tür vom Bad von innen zugestoßen und sich darin eingesperrt. Ich fand ihn darin, wie er quer am Fuß des Wäscheständers hing – eine unüberquerbare Hürde. Ich verkaufte ihn auf dem Kleinanzeigenmarkt und dachte zurück an mein Studium, in dem ich die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour lernte: Auch nichtmenschliche Dinge haben eine eigene Handlungsmacht, die sie direkt auf uns Menschen ausüben. Sie sind jedoch sogenannte Aktanten, keine Akteure.

Ich stand der Technologie immer offen gegenüber, aber in letzter Zeit merkte ich, dass sie mir mehr Zeit raubte, als sie mir zurückgab. Ich wurde zum Diener der Maschine, statt sie zu meinem. Und dafür bezahlte ich auch noch. Vielleicht sollten wir erst einmal unsere menschliche Intelligenz weiterentwickeln, bevor wir eine scheinbare künstliche erschaffen und dabei unsere eigene Kurzsichtigkeit automatisieren. Dann könnten wir auch gut durchdachte, fertige Produkte entwerfen, anstatt halbgare Pasta auf den Markt zu werfen.