Acht Sekunden Freiheit

Sep 12 2022 · Julian Imort

Ein Abend in Berlin

In der Welt sieht es gerade nicht allzu gut aus. Flüsse trocknen aus, Russland führt einen brutalen Angriffskrieg und die neue Ampelregierung macht so verwirrende Sachen, dass selbst die AfD nicht mehr weiß, gegen was sie eigentlich nörgelt. Dass dies Auswirkungen auf unser soziales Miteinander und unsere Stimmung hat, lässt sich nur schwer leugnen. Trotz der aktuellen Schwere, die in der Welt hängt, entschied ich mich rauszugehen und traf mich an einem schwülen, aber dennoch erfrischenden Frühsommerabend mit zwei Freundinnen in einer Bar in Berlin. Das Bier war hier günstig - dafür gab es jedoch keinen Service und ich wurde auserkoren, in einer Schlange eine Viertel Stunde zu warten, nur um zu realisieren, dass das Bier aus war. “Na super” sagte meine Freundin, “Jetzt kann man sich nicht einmal den Frust wegtrinken. Wir hätten ja auch einfach zuhause bleiben können” Ein sichtlich besser gelaunter, weil schon betrunkener Philosophiestudent aus einer Gruppe, die sich an den gleichen Tisch wie wir gesetzt hatten, weil es in Berlin generell keinen Platz mehr gibt, blickte zu uns rüber und schlug vor, dass wir uns doch auch einfach ein Bier aus dem Späti holen sollten und später ein bisschen mehr Trinkgeld geben könnten. Wir schauten uns zustimmend an und waren beeindruckt von dem absurden, aber genialen Vorschlag. Wir holten uns zusammen einige der günstigsten Biere vom Späti, spielten ein paar Spiele und lernten nette Menschen kennen. Dies hatte bereits den Rahmen meiner Vorstellungskraft und meiner sozialen Ziele gesprengt, die ich mir für diesen Abend vorgestellt hatte. Aber es sollte noch besser kommen.

Der Trichter

“Kommt ihr mit raus, trichtern?” schlug ein anderer Typ vor. “Wie bitte?” fragte meine Freundin. “Naja, Trichtersaufen, Druckbetankung.” Ich konnte kaum glauben, was ich dort gehört hatte. Gerade ging es noch darum, ob die Welt eine Simulation sei und inwiefern Leibnitz eigentlich doch ein Pantheist war. Und jetzt das? Ich erinnerte mich an meine Rockfestivals, die ich Anfang 20 besucht hatte und dachte an verbrannte Bierbäuche beim Ballermann, die sich mit der Hoffnung auf ein bisschen körperliche Nähe ins Delirium manövrieren. Auch mein Freundeskreis vom Dorf, aus dem ich stamme, hatte einen Trichter, der des Öfteren den Eigentümer wechselte. Ich fragte mich, ob diese Teile eigentlich so verkauft oder sie liebevoll mit Bauanleitung von passionierten Trichtersäufer:innen per Hand gefertigt werden. Währenddessen führten andere in der Gruppe eine Diskussion, wie bescheuert und dumm so eine Form des Trinkens doch sei. Die Kultur des Biertrinkens zeichnet sich doch durch Langsamkeit und gemütlichem Beisammensein aus, so wie es eben gerade stattgefunden hatte. Warum musste dieser Prozess jetzt so radikal beschleunigt werden? Wer schnell betrunken werden möchte, kann doch einfach ein paar Shots Berliner Luft trinken.

The Experience

Aber was ist schon kultiviertes Trinken, wenn wir mit den günstigsten Späti-Bieren in einer Bar sitzen, die keine Getränke verkauft? Der Zug ist jetzt sowieso abgefahren - also ging ich nach draußen, wo bereits der Trichter auf mich wartete. “So, dann mal los.” rief der scheinbare Anführer und vermutlich der Besitzer oder Erzeuger des Trichters stolz und sah mich dabei mit leuchtenden Augen an. Ich zögerte einen Augenblick, während mir bewusst wurde, dass ein anderer Typ schon mein Späti-Bier in den Trichter gegossen hatte. Das war also mein Moment. Es kamen mehr Leute zum Rauchen und zusehen nach draußen, um sich das Schauspiel anzusehen. Während ein Zögern mit ermutigenden Aufrufen entgegengewirkt wurde, wäre ein “Nein, danke” hier nicht akzeptabel gewesen. Gegen den Trichter könne man nicht gewinnen und auch die Enttäuschung der Menschen, die ich gerade erst kennengelernt habe, hätte ich schwer verkraftet. Also kniete ich mich auf den Boden, nahm das halbwegs gereinigte Ende des Schlauchs in den Mund und öffnete das Ventil. Innerhalb von Sekunden ergoss sich ein Wasserfall aus kaltem Schaum, Kohlensäure und Bitterkeit direkt in meinen Magen und spülte dabei alles weg, was mir zuvor im Weg stand. Mit brachialer Urgewalt füllte sich mein Körper und es fühlte sich so an, als fuhr ich in einem Kanu einen reißenden Fluss hinunter. Seit langem habe ich mich nicht mehr so frei gefühlt - und lange hatte ich nicht mehr etwas so derart Dummes gemacht. Ich gab mich dem Trichter und der fremden Person, die ihn fürsorglich hielt, vollends hin. Das Ganze dauerte nur 8 Sekunden und ich hatte einen halben Liter Bier mehr in mir. Während meine Gedanken und mein Körper immer noch beflügelt von dieser Erfahrung waren, feuerte ich meine Freundinnen umso mehr an, die das Gleiche durchmachten.

Was dahinter steckt

Alkohol löst keine Probleme und macht auch den Weltschmerz nicht langfristig erträglicher. Aber war es wirklich der Alkohol, der meine Stimmung so anhob? Ging es bei dieser Zeremonie wirklich darum, so betrunken wie möglich zu werden, den Alltag und den Weltschmerz hinter sich zu lassen, oder steckt doch ein tieferer Sinn dahinter? Ich kannte das Gefühl von vernebelten Glück, was am nächsten Tag in einen furchtbaren Kater umschlägt. Das hier fühlte sich jedoch anders an. Am Ende war es die eigene Freiheit, die sich durch die absurde Tatsache offenbarte, dass es an diesem Ort einen Trichter gab. Die Freiheit, es einfach zu tun, obwohl es gegen alle Gesetze von Vernunft und gesittetem Verhalten verstieß. Genauso, wie es eben gerade in der Welt und der Politik passiert. In acht Sekunden schoss die Welt durch mich hindurch, die ausgetrockneten Flüsse, Olaf Scholz und vielleicht noch ein paar restliche Coronaviren, gegen die ich aber mittlerweile immun war. Ich habe mich der Welt ergeben und sie mit ihren guten und schlechten Seiten so akzeptiert, wie sie ist. Ich fühlte mich motivierter, etwas in meinem Leben zu ändern und war ein Stück weit weniger gelähmt, da mich die wundervolle Unvorhersehbarkeit daran erinnerte, dass man sich nicht alles immer zu Herzen nehmen muss. Hedonismus ist zwar Teil unseres kranken Systems, aber ihn so auszuleben, dass seine wahre Essenz hervortritt, will gelernt sein und dazu gehört eben auch Fürsorge und Offenheit für Neues. Ich war meinen neuen Bekanntschaften für ihre Offenheit und die soziale Geschicklichkeit, die ich bisher noch nie in Berlin erlebt hatte, sehr dankbar. In Berlin ist es als “Zugezogener” im Vergleich zu den “echten Berlinern” nämlich nicht leicht, vor allem nicht, wenn es darum geht, Anschluss zu finden. Auch war ich den Leuten für den Trichter dankbar, der genau die richtige Prise an Chaos gebracht hat, um vollständig aus dem vorhersehbaren Alltag auszubrechen. Statt wie gewohnt aneinander vorbei zu leben, haben wir heute zusammen gelebt. Ich hatte an diesem Abend insgesamt 5€ ausgegeben und freute mich darüber. Nach ein paar weiteren Gesprächen verabschiedeten wir uns und gingen nach Hause. Kann man mal machen – aber natürlich nicht jedes Wochenende versteht sich.