KI wird uns hoffentlich alle ersetzen
Sep 12 2024 · Julian Imort
Projekt Stargate und die Superintelligenz
Kurz nach seinem Amtsantritt initiiert Donald Trump das Projekt Stargate – eine beispiellose Kooperation der weltweit führenden Tech-Firmen. Mit einem Fördervolumen von 500 Milliarden Dollar soll das Projekt nicht nur die USA als Spitzenreiter in der KI-Entwicklung positionieren, sondern auch die globale Technologie-Landschaft nachhaltig prägen. Sam Altman, CEO von OpenAI, betonte bei der Ankündigung, dass dieses Projekt es ermöglichen wird, AGI in den USA zu entwickeln und dabei Hunderttausende von Arbeitsplätzen zu schaffen. Vertraut man KI-Experten wie Sam Altman, können wir innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre mit Sprachmodellen rechnen, welche die Intelligenz eines oder gar vieler Menschen um Längen übersteigen, auch als AGI (Artificial General Intelligence) bezeichnet. Von ASI (Artificial Super Intelligence) ist die Rede, wenn die Intelligenz eines Modells die Summe aller Menschen einschließt und sogar übersteigt. Kritiker wie der Philosoph Nick Bostrom warnen eindringlich vor dystopischen Szenarien, in denen eine solche Superintelligenz, wenn ihre Ziele nicht mit menschlichen Werten übereinstimmen, eine existenzielle Bedrohung darstellen könnte. Bostrom betont: „Grundsätzlich sollten wir davon ausgehen, dass eine ‚Superintelligenz’ in der Lage wäre, jedes beliebige Ziel zu erreichen, das sie sich setzt. Daher ist es äußerst wichtig, dass die Ziele, die wir ihr vorgeben, und ihr gesamtes Motivationssystem ‚menschenfreundlich’ sind.”1 Auch wenn wir in kritischen und chaotischen Zeiten dazu neigen, den Teufel an die Wand zu malen und unsere Ängste zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden zu lassen, muss es natürlich nicht sofort wie in der Matrix zugehen.
Die Macht der Geschichten
Was wir dringend brauchen, sind mehr Vorstellungskraft und die richtigen Utopien. Schon Donna Haraway betonte die fundamentale Bedeutung von Geschichten für die Gestaltung unserer Realität: „Es kommt darauf an, mit welchen Dingen wir andere Dinge denken; es kommt darauf an, welche Geschichten wir erzählen, um andere Geschichten zu erzählen. […] Es kommt darauf an, welche Geschichten Welten machen, welche Welten Geschichten machen.”2 Dieser Gedanke ist heute relevanter denn je, insbesondere angesichts der disruptiven Kraft der KI.
Silicon Valley und das deutsche Neuland
Das Problem ist nämlich, dass für viele Menschen KI immer noch „Neuland“ ist, um hiermit an Angela Merkels berühmte Aussage über das Internet zu erinnern. Wenn wir keine eigenen Vorstellungen davon haben, wie die Zukunft aussehen soll, übergeben wir deren Gestaltung im besten Fall an Sci-Fi-Nerds, im schlimmsten Fall an Tech-Milliardäre. Wir finden uns an Orten wieder, wo weder Platz für Emanzipation noch für kulturelle Eigenheiten ist. Kein Wunder, dass Oma Wilhelmine aus Königs Wusterhausen keine Lust darauf hat, einen Traum aus dem Silicon Valley zu leben. Nicht nur älteren Generationen mangelt es an Vorstellungskraft; auch in der deutschen Arbeitswelt wird KI häufig noch als Spielerei betrachtet. Obwohl 67 Prozent der Angestellten in Deutschland bereits praktische Erfahrungen mit KI-Anwendungen gesammelt haben, liegt dieser Wert unter dem europäischen Durchschnitt von 72 Prozent.3 Nur acht Prozent davon nutzten KI im beruflichen Umfeld. Zudem nutzen bisher nur 9 Prozent der Unternehmen generative KI, während 18 Prozent deren Einsatz planen.4 Wer nicht Gefahr laufen will, durch KI ersetzt zu werden, muss die KI selbst in die Unternehmen tragen und sich damit beschäftigen, im besten Fall mit eigenen Ideen und maßgeschneiderten Modellen. Im Folgenden möchte ich einige Gedankenspiele entwickeln, wie dramatisch KI sowohl unser Arbeitsleben als auch soziales Miteinander beeinflusst.
Gedankenspiel: Wenn die Firma zur KI wird
Nehmen wir ein bodenständiges Unternehmen aus dem deutschen Mittelstand, das etwa 500 Mitarbeitende beschäftigt und Fahrräder vertreibt. Eine KI bekommt Zugriff auf die gesamten Geschäftsdaten, einschließlich ihrer Finanzen, Umsätze, Unternehmenswerte, Brand Guide, dem Quellcode ihrer Website, mobilen App und Onlineshop. Das Modell ist die Verkörperung der Firma. Es kennt sich besser aus als die Geschäftsführung und alle Mitarbeiter zusammen. Es findet Zusammenhänge, wo man keine vermutet: Der Absatz eines beliebten Produkts sinkt, wenn gleichzeitig ein neues, visuell ähnliches Produkt eingeführt wird, das jedoch eine andere Zielgruppe anspricht. Es findet heraus, dass in Berlin weniger Kunden einkaufen, weil die Lieferzeiten aufgrund lokaler Verkehrseinschränkungen doppelt so lang sind wie in anderen Städten. Zu guter Letzt wird ersichtlich, dass Kunden ihre Abos häufiger im März kündigen, weil sie über das Weihnachtsgeschäft erworbene Gutscheine dann aufgebraucht haben und keinen weiteren Mehrwert sehen. Die KI kann nicht nur die gesamte Business Intelligence mit übermenschlicher Genauigkeit übernehmen, sondern kümmert sich auch sekundenschnell um die Kundenanfragen. Sie trifft den richtigen Ton und kennt alle Interaktionsprozesse zwischen Kunden und der Firma. Sie weiß, welche Schraube im Fahrrad locker sitzt und bestellt sie auf Wunsch des Kunden direkt nach.
Vom nervigen Chatbot zum intelligenten Agenten
Heute gelten KI-Chatbots noch als eine der Hauptursachen für zerschlagene Bürotische, da sie mit ihren begrenzten Fähigkeiten und heuchlerischer Empathie sowohl Kundenservice als auch Endnutzer in den Wahnsinn treiben. Wer aber denkt, dass das oben beschriebene Szenario erst im nächsten Jahrzehnt zur Realität wird, irrt sich. Laut Prognosen von Genpact wird 2025 das Jahr der „Agents“ werden. Sie können bereits jetzt sicher und lokal auf firmeneigenen Servern laufen und lernen nie aus. Einige versierte Firmen, insbesondere in der Automobilbranche und im Einzelhandel, trainieren jetzt schon ihre eigene KI, damit sie langfristig Kundenservice, Softwareentwickler, Analyse, Buchhaltung und große Teile des Marketing ersetzen. Unsere Fahrradfirma braucht in fünf Jahren nur noch 150 Mitarbeitende. Diese kümmern sich um die strategische Entwicklung, kreative Prozesse, technisches Enablement und am allerwichtigsten: Um die persönliche Betreuung der Kunden. Glücklicherweise wird ein persönlicher Ansprechpartner sicherlich auch in Zeiten von KI von größter Bedeutung für den Firmenerfolg sein. Aber was passiert mit den 350 anderen Menschen, die zuvor in unserer Fahrradfirma tätig waren?
Dystopie oder Revolution?
Szenarien wie diese werden einen gesellschaftlichen Wandel im Turbotempo vorantreiben. Anstatt mit Furcht in eine Zukunft zu blicken, in der die deutsche Arbeitslosigkeit auf 75 Prozent steigen wird, brauchen wir Hoffnung und Zuversicht für eine Revolution in der Arbeitswelt. Eine Arbeitswelt, in der ein „Senior Product Manager“ genauso viel verdient wie die Person, die nach Feierabend seine Krümel und Kaffeekrusten vom Schreibtisch wischt, sofern dies nicht von einem humanoiden Roboter erledigt wird. Das klingt erstmal nach purem Sozialismus, beschreibt allerdings einen Prozess, der bereits in der industriellen Revolution stattgefunden hat und unsere Arbeitsstunden drastisch reduziert hat. Auch dort gab es bereits Diskussionen zum bedingungslosen Grundeinkommen und trotzdem haben wir es geschafft, Menschen bereits gestern und heute Jobs zu geben, die David Graeber in seinem gleichnamigen Buch taktvoll als „Bullshit Jobs“ bezeichnet.
Was machen wir jetzt?
In der nächsten KI Revolution haben wir drei Szenarien: Ein Großteil der Bevölkerung wird arbeitslos und lässt sich durch das Sozialsystem und die anderen mitfinanzieren. Im zweiten Szenario bewerben wir uns auf neu erfundene Jobs wie „Junior Pfannkuchen Supply Consultant” in einer Bäckereikette, damit wir etwas zu tun haben. Oder wir revolutionieren unsere Arbeit – insbesondere unsere Arbeitszeiten – und beginnen von schönen Utopien zu träumen, in denen Menschen genau das tun, wozu sie bestimmt sind und was sich richtig anfühlt. Statt uns in Dystopien zu verlieren, sollten wir unsere Vorstellungskraft nutzen, um Arbeitswelten und Gesellschaft neu zu denken – fairer, inklusiver und menschenzentrierter. Wenn wir es richtig anstellen, könnte KI nicht nur Arbeitsplätze, sondern unser Leben revolutionieren. Auch Immanuel Kant kam bereits in seiner Kritik der reinen Vernunft zu dem Schluss, dass wir eine moralische Verpflichtung zur Hoffnung haben. Vor allem in turbulenten und teils schwermütigen Zeiten ist dieser Grundsatz wichtiger denn je. Um überhaupt eine Vorstellung von der Zukunft haben zu können, haben wir allerdings auch eine Verpflichtung dazu, uns mit KI auseinanderzusetzen.
1. Bostrom, N. (2014): Friendly artificial intelligence ↩
2. Haraway, D. J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene ↩
3. EY (2024): European AI Barometer 2024 ↩
4. Bitkom (2024): Erstmals beschäftigt Hälfte der Unternehmen KI ↩