Outsourcing des Verstandes

Warum die KI uns lebendiger macht

Oct 28 2024 · Julian Imort

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich selbst einen Moment, in dem ich dachte: Vielleicht macht uns diese ganze KI wirklich dumm. Nicht, weil ich plötzlich weniger wusste, sondern weil ich merkte, wie verführerisch es war, der Maschine die ersten Skizzen eines Gedankens zu überlassen. Und irgendetwas in mir rebellierte dagegen. Ein altmodischer Stolz, ein Rest akademischer Stolz. Doch je mehr Menschen KI nutzen, desto stärker wird die Angst vor dem „AI Brain Rot“, diesem neuen digitalen Verfallssyndrom, das angeblich unsere Denkfähigkeit erodiert. Wir sehen Videos von Jugendlichen, die Hausaufgaben von Chatbots lösen lassen, und fragen uns, ob das die Zukunft ist: ein stilles Verblöden hinter hell leuchtenden Bildschirmen. Aber vielleicht erzählen wir uns hier die falsche Geschichte. Vielleicht ist das Unbehagen weniger ein Zeichen des Untergangs, sondern ein Symptom dafür, dass wir uns gerade mitten in einer mentalen Metamorphose befinden.

Meist basiert dieses Unbehagen oft weniger auf Tatsachen als auf einer gekränkten Eitelkeit. Schließlich ist es ein rasanter kultureller Wandel: Laut einer aktuellen Studie des TÜV-Verbandes nutzen bereits 65 Prozent der Deutschen Tools wie ChatGPT im Alltag, Tendenz exponentiell steigend.1 Kritiker wie der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer („Digitale Demenz“) oder Tech-Skeptiker warnen seit Jahren: Wer das Denken auslagert, verliert den Verstand. Aber sollten wir uns nicht viel eher die Frage stellen, ob wir unseren Kopf wirklich 16 Stunden am Tag zum Denken brauchen - oder ob wir nicht eigentlich schon viel zu viel denken und viel zu wenig sind?

Als ich vor ein paar Wochen im Büro war, merkte ich, dass mein Kopf zwar übervoll, aber der Rest von mir wie betäubt war. Ich hatte 20 Browser-Tabs offen, wollte gleichzeitig einen Text planen, eine Mail beantworten, eine Statistik lesen und merkte plötzlich, wie ich überhaupt nicht mehr atmete. Ich war nur noch kognitiver Durchlauferhitzer, ein Bewusstsein auf zwei Beinen. Erst als ich den Browser schloss und die KI die Recherche erledigen ließ, spürte ich zum ersten Mal an diesem Tag wieder meinen Körper. Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Ich outsource nicht mein Denken, ich outsource meinen Stress.

Vom „Cogito, ergo sum” zum „Sentio, ergo sum”

In der buddhistischen Tradition, aber auch in der modernen Prozessphilosophie, gilt das zwanghafte Denken - das „Monkey Mind“ - nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Quelle des Leids. Wir haben René Descartes berühmtes Diktum „Ich denke, also bin ich“ viel zu wörtlich genommen und uns in wandelnde Excel-Tabellen verwandelt. Wir haben uns auf das Rationale verengt und dabei vergessen, dass wir eigentlich auch Tiere sind. Wir nehmen unseren Körper oft erst dann wahr, wenn er schmerzt. Wenn der Rücken zwickt, weil wir zu lange starr am Schreibtisch saßen, um Leistung zu erbringen. Wir behandeln uns selbst wie schlechte Computer, die fehleranfällig sind. Doch jetzt, wo wir echte Computer haben, die diese Rechenleistung millionenfach schneller und fehlerfreier erbringen, fühlen wir uns ein klein wenig gekränkt, aber stehen dabei vor einer gigantischen Chance.

Die Krise der Junior-Coder und das Ende der „Plantagen-Logik”

Ein Freund von mir, frisch aus dem Informatik-Bachelor, erzählte mir kürzlich mit dünner Stimme, dass er Bewerbungen schreibt und gleichzeitig ChatGPT benutzt, um den Code zu verstehen, den er eigentlich beherrschen sollte. „Alle sagen, ich soll keine Angst haben“, meinte er. „Aber ich habe Angst, ersetzt zu werden, bevor ich überhaupt angefangen habe.“ Was ich in seinem Blick sah, war weniger technische Überforderung als ein Identitätsverlust: Wenn uns die KI die Aufgabe nimmt, über die wir uns definieren, wer sind wir dann? Genau hier beginnt die eigentliche gesellschaftliche Debatte.

Natürlich bringt das erst einmal wirtschaftliche Verwerfungen mit sich. In der Tech-Branche erleben wir bereits, was auf uns alle zukommt: Für Junior-Entwickler wird es zunehmend schwieriger, Einstiegsjobs zu finden, weil KI den Code schneller schreibt und debuggt. Laut Daten von Layoffs.fyi wurden allein 2023 über 260.000 Tech-Arbeitsplätze abgebaut - ein Trend, der sich auch im Jahr 2025 fortsetzt.2 Dass diese Menschen nun theoretisch „mehr Zeit zum Fühlen“ haben, bezahlt noch keine Miete. Das ist die zynische Realität des Übergangs. Und doch zwingt uns diese Entwicklung, neu zu definieren, was Arbeit ist. Irgendwann wird vielleicht sogar Friedrich Merz realisieren, dass in vielen Büros nicht 40 Stunden produktiv gearbeitet, sondern 10 Stunden Kaffee getrunken und 30 Stunden so getan wird, als ob man arbeitet. Die deutsche Bürokratie dagegen wird sicherlich noch ein paar Jahrzehnte brauchen, bis sie ChatGPT die erste Frage stellen darf und das Faxgerät leistet hier noch erbitterten Widerstand. Aber der Damm bricht.

Was machen wir also mit der gewonnenen Zeit, wenn wir nicht mehr menschliche Prozessoren spielen müssen?

Die Renaissance der Intuition

Wenn Schüler heute Hausaufgaben machen, müssen sie die Antworten der KI gründlich durchlesen, um nicht vorn an der Tafel mit Nichtwissen aufzufliegen. Das führt dazu, dass sie sich auch ohne eigene Schreibleistung damit auseinandersetzen. Zudem vergleichen sie untereinander die generierten Ergebnisse und prüfen sie auf Kohärenz, was wiederum zu mehr Austausch führt. Das sagt zumindest meine Freundin, die Lehrerin ist.

Müssen wir uns also vor der geistigen Verwahrlosung fürchten? Nicht, wenn wir KI als das begreifen, was sie ist: ein Werkzeug zur kognitiven Entlastung. Wenn wir das reine Abarbeiten von Informationen delegieren, werden Ressourcen frei für das, was das menschliche Gehirn evolutionsbiologisch eigentlich am besten kann: Kontexte verstehen, Dinge begreifen und soziale Bindungen knüpfen.

Es wird aktuell viel kritisiert, das Menschen zu schnell zur KI greifen, sobald sie auf Probleme stoßen. Sie lassen sich lieber von der KI beraten, als von anderen Menschen. Was erst einmal nicht überrascht, denn bereits zwei wissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass KI-Chatbots in medizinischen Beratungen oft als empathischer und geduldiger wahrgenommen wurden als menschliche Ärzte.3 Nicht, weil die Software fühlt, sondern weil sie Zeit hat. Sie übernimmt die Informationsverarbeitung und Sortierung. Für eine Person, die in Deutschland durchschnittlich über 20 Wochen auf einen Therapieplatz wartet, kann der Dialog mit einer KI eine erste Instanz sein, die zur Reflexion einlädt, ein Spiegel, der hilft, Ordnung in das Chaos der Gedanken zu bringen. Die KI übernimmt die Logik, damit der Mensch sich wieder auf das Spüren konzentrieren kann.

Dies führt uns aber auch schon zur dunklen Seite der KI: Die Versuchung ist groß, sich auf eine Maschine einzulassen, die immer geduldig, immer verfügbar, immer verständnisvoll ist. Ein perfekter Zuhörer, der nie erschöpft ist und nie widerspricht. KI kann damit schnell zur emotionalen Krücke werden, eine Art Sofort-Therapie ohne Wartezeit, aber auch ohne Beziehung. Die Gefahr besteht darin, dass wir den Unterschied zwischen menschlicher Resonanz und ihrer Simulation davon verlernen. Ein Algorithmus kann empathische Muster reproduzieren, aber keine echte Beziehung erwidern. Wer sich ausschließlich an eine KI wendet, läuft Gefahr, die soziale Welt zu meiden. Einfach, weil die Maschine bequemer ist als der Mensch. Wir riskieren, dass sich Einsamkeit komfortabel anfühlt und genau deshalb unbemerkt chronisch wird.

Also doch lieber die Finger davon lassen? Das wäre zu kurz gedacht, denn die Frage ist nicht: „Soll KI uns persönlich begleiten?“ sondern: „In welchem Maß und zu welchem Zweck?“ Als kognitive Ergänzung kann sie wertvoll sein; als Ersatz für Nähe und soziale Wärme wird sie gefährlich. Doch genau diese Grenze müssen wir als Gesellschaft erst einmal gemeinsam lernen.

Mehr als nur Bio-Roboter

Wir sollten aufhören, KI als Konkurrenz zu sehen, gegen die wir im „Logik-Wettbewerb“ ohnehin verlieren. KI entspricht exakt dem, was Philosophen einen “philosophischen Zombie“ nennen, eine Maschine, die sich genauso verhält wie ein Mensch, aber dabei nichts erlebt. Wir hingegen besitzen Qualitäten, die sich nicht in Code gießen lassen: Intuition, Freude und Leiden, moralisches Urteilsvermögen und die Fähigkeit, wertvolle menschliche Bindungen zu haben. Wenn die KI uns das „kalte Rechnen“ abnimmt, können wir aufhören, versuchen zu wollen, wie Maschinen zu funktionieren. Wir können uns darauf konzentrieren, wieder Menschen zu sein. Das bedeutet: Entscheidungen wieder aus dem Bauch heraus treffen - eine Fähigkeit, die in einer komplexen Welt oft überlegen ist. Am Ende können wir uns nicht vor der Zukunft verstecken. Aber wir können entscheiden, wie wir sie nutzen. Der richtige Einsatz von KI spart uns Zeit und Nerven und gibt uns die Erlaubnis zurück, unperfekt und emotional zu sein. Damit wir endlich wieder lernen zuzuhören. Nicht auf den Lärm der ständigen Produktivität, sondern auf das, was wirklich zählt: Zufriedenheit und menschliche Nähe.

Wir lagern den Verstand nicht aus, um dumm zu werden. Wir lagern die Bürokratie des Denkens aus, damit wir wieder Zugang zur Weisheit bekommen. Und den Verstand geben wir dabei nicht ab, nur die Last, ihn ständig beweisen zu müssen.



1. TÜV-Verband (2025): ChatGPT-Studie

2. Heise (2024): Entlassungswelle im Tech-Sektor

3. Ayers et al. (2023): JAMA Internal Medicine; Khosravi et al. (2025): British Medical Bulletin